Extreme Respect

Marathon des Sables
Sieg des Willens

Er kommt hinkend angelaufen. Seine Haut ist von der Sonne gegerbt und seine Wangen sind eingefallen. Und dennoch, dieser Mann strahlt - ein Strahlen, das aus dem tiefsten Inneren kommt. Warum ist dieser Mann nur so glücklich? Die Antwort ist einfach: "Marathon des Sables", 240 Kilometer in sieben Tagen durch die südliche Sahara Marokkos.

 

Dabei fing alles ganz harmlos an, und zwar zu Hause in Aulendorf vor dem Fernseher. "Eiskalt lief es mir den Rücken herunger", sagt Artur Fischer.

 

Die Bilder hatten den damals 28-jährigen so begeistert, er musste es einfach probieren. Ausdauergrundlagen hatte der Inhaber des Sportgeschäftes "Respect" bereits im Triathlon gelegt. Selbst eine mehrere Jahre andauernde Trainingspause konnte ihn nicht von seinem Vorhaben abbringen.

 

Ein Jahr vor der großen Herausforderung begann der zierliche Athlet mit intensivem Lauftraining. Denn, durch Zufall, hatte er die Adresse der in Deutschland zuständigen Organisatorin des 18. "Marathon des Sables" bekommen. Sein Start war gebongt. Nach einem harten Trainingswinter im kalten Oberschwaben mit ´zig Kilometern auf dem Laufband eines Fitness-Studios geht es am 3. April auf eine faszinierende Reise.

 

Von Zürich über Casablanca nach Qurzazate, ca. 200 Kilometer von Marrakesch entfernt. Danach befördern Busse die Läufer ins Hinterland. Mitten im Wüstennichts heißt es umsteigen in geländegängige Lastwagen. Zusammengepfercht wie Vieh - "wir fühlten uns wie in einem Viehtransport", schreibt Artur Fischer am Abend in sein Tagebuch - geht die Reise noch eine dreiviertel Stunde ins Landesinnere. Endlich kommen sie im Lager an, ein Heer von Berberzelten wartet auf die 631 Läufer und 250 Organisatoren. "Stangen, über die Rupfensäcke gelegt werden", beschreibt Artur Fischer sein Domizil für die nächsten sieben Tage.

 

Direkt vor dem Start am nächsten Tag herrscht psychische Anspannung. Feilschen um jedes Gramm steht an. Ja nicht zu viel in den Rucksack, aber auch nicht zu wenig, denn das kann in der Wüste tödlich sein. Artur Fischer schildert so plastisch - er wird unruhig, rutscht auf dem Stuhl hin und her, die Gestik des sonst eher Zurückhaltenden erwacht zu Leben -, so dass sich die Unruhe direkt überträgt. Runde zwölf Kilo nimmt er zuletzt mit auf die erste Etappe über 25 Kilometer. 14 000 Kilokalorien Nahrung: Power-Food, Energie-Riegel und Travel-Lunch zum Aufgießen.

 

Die Rucksäcke der an die Wüste angepassten Marokkaner liegen dagegen bei rund sechs Kilo. Artur Fischers Gewichtsmanie nimmt gegen Ende des Extrem-Marathons fantastische Züge an: "Wir haben alles rausgeschmissen, was man nicht brauchte und sogar die Schnürsenkel auf das absolute Minimum gestutzt, nur um Gewicht zu sparen." Der Aulendorfer schmunzelt verlegen und ist sich durchaus der Extreme bewusst.

 

Mit dem Start kommt die Erlösung. "Die Meute jagte mit Gegröle der Sonne entgegen", schreibt er äußerst poetisch in sein Tagebuch. Aber Artur wäre nicht Artur - nach der ersten Etappe zieht er akribisch Bilanz, der studierte Elektrotechniker in ihm bricht sich eine Bahn. Ein Durchschnittspuls von 173 Schlägen pro Minute sei absolut zu hoch gewesen, das Tempo zu schnell. Etappe zwei ist "hardcore". "Megahohe" Dünen rauben dem drahtigen Marathonläufer aus Oberschwaben viel Kraft. Zu allem Überfluss fällt auch noch der MP3-Player aus.

 

Während der Etappe trifft Artur Fischer auf Steven Urvine aus Australien. "Wir waren wie ein eingeschworenes Team", hält er schriftlich fest. "Einfach perfekt, und für Dritte nicht in Worte zu fassen." Die beiden modivieren sich gegenseitig durchzuhalten. Im Ziel laufen die Männer als 47. ein - ein Wahnsinnsergebnis!

 

"Doch das interessierte in der Sekunde keinen von uns".

 

Wegen zahlreicher Blasen an den Füßen fordert Artur Fischers Körper in der fünften Etappe seinen Tribut. Auf Grund einer Fehlbelastung rebelliert das Knie des 32-jährigen. Er rutscht auf den 76. Gesamtrang ab. Ohne Schmerztabletten hätte er aufgeben müssen. Doch sein eiserner Wille ist stärker. Er verdrängt den Gedanken aufzugeben und startet in die sechste und letzte Etappe. Noch einmal 22 Kilometer. Nach 31 Stunden 9 Minuten und 49 Sekunden Gesamtlaufzeit und 240 Kilometern als zweitbester Deutscher, hat er sein Ziel erreicht - ein Sieg des Willens und Balsam für die Seele - eben zum Strahlen.